Was ist die Aussage des folgenden Zitats?


Das Rad, das am lautesten quietscht, bekommt das meiste Fett.

Deutsches Sprichwort

Der Spruch zeigt eine Wechselwirkung zwischen lauter Offenbarung gegenüber der Umwelt und Reaktion der Umwelt. Zunächst erweckt derjenige, der laut quietscht, der also sein gefühltes Leid lautstark mitteilt, ein Mitleid der Anderen, die helfen wollen und ihm dann auch helfen, ihm also Fett geben.

Fraglich ist zunächst bereits, ob das „Fett geben“ Ausdruck einer altruistischen Handlungsweise ist oder ob der Fettgeber lediglich vom Quietschen genervt ist und er dieses unangenehme Gefühl lediglich abstellen will. Egal, aus welchen Gründen das Fett gegeben wird, es wirkt und das Quietschen hat Aufmerksamkeit erzeugt.

Hört das Quietschen dann aber nicht auf, und der Fettgeber handelte altuistisch, dann ändert sich die Wahrnehmung und man interpretiert dies als Methode, Vorteile zu erlangen.Wenn der Fettgeber lediglich das unangenehme Geräusch abstellen wollte, ist er um so mehr frustriert, da sein Versuch, das Geräusch abzustellen, fruchtlos war.

In beiden Fällen ist das Ergebnis also negativ. Das Ganze dreht sich um und der laut Quietschende fällt aus der Gunst des Fettgebers. Ist der Quietschende Teil einer sozialen Gemeinschaft, wird er dann eher gemoppt.

Ganz besonders dreht der Vorteil lauten Quietschens ins Negative, wenn die Umwelt merkt, dass das laute Quietschen nicht ein Ausdruck eines Leids, sondern eine Methode dafür ist, sich ins Licht stellen zu wollen. Aber was immer  der Anlass für ein lautes Quietschen ist zeigt der Spruch doch, dass man sich durch lautes Quietschen in Szene setzen kann.

Für den Bereich der Unternehmensführung zeigt der Spruch, wie wichtig ein gutes Marketing ist. Man muss sich dem Markt gegenüber unüberhörbar mitteilen. Dies gilt heute umso mehr als früher, weil die Menschen von Informationen überschüttet werden. Denn an jeder Ecke wird gequietscht. Daher buhlen Unternehmen und die Medien um die Aufmerksamkeit des Einzelnen. Das wird immer schwieriger. Also muss das Rad lauter quietschen, wenn viele andere Räder auch quietschen. Nur das lauteste Rad erhält das meiste Fett. Andere Räder, die nicht so laut quietschen, bekommen nicht so viel Fett. Dasjenige, das gar nicht quietscht, bekommt nicht oder nur gelegentlich Fett.

Diese Marketingstrategie ist aber nur innerhalb enger zeitlicher Grenzen möglich und sie muss mit besonders mit feinem Fingerspitzengefühl eingesetzt werden, denn diese Strategie kann, wie oben schon beschrieben, schnell ins Negative umschlagen. Denn das Rad, das nicht richtig läuft, obwohl es laut quietscht und daher viel Fett bekommt, wird von den Kunden gemoppt und schnell ausgetauscht. Dies bedeutet, dass ein Unternehmen, das nur quietscht, d.h. nur in das Marketing investiert und die Qualität vernachlässigt, schnell aus dem Markt verschwindet, weil sich die mangelnde Qualität schnell herumspricht und der Kunde abwandert. Das laute Quietschen hat den Beurteilungsmaßstab des Kunden verändert, der dadurch umso schneller und tiefer enttäuscht ist, wenn sich hinter dem lauten Quietschen nur billiges Marktgeschrei verbirgt.

Außerdem ist Marketing teuer und muss über den Preis finanziert werden. Der Kunde zahlt also letztlich den Preis für das Quietschen. Ein Rad, das billiger ist und gut läuft und kaum quietscht ist daher langfristig im Vorteil, weil es sich herumspricht, dass es billiger oder besser ist, als das laut quietschende.

Daraus lässt sich allgemein aussagen, dass lautes Quietschen nur einen kurzfristigen Erfolg bringt. Aber es kann eine gute Marketingstrategie sein, am Anfang laut zu quietschen, um Aufmerksamkeit zu erregen, um dann den Gewinn der Aufmerksamkeit schnell in ein besseres und billigeres Produkt umzusetzen, das dann wieder stiller werden kann, weil es weniger quietschen muss. Hierfür steht aber nur ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung und das ist, wie gesagt, die Schwierigkeit dieser Marketingstrategie.

Wie sehr lautes Quietschen zwar einen kurzfristigen Erfolg, dann aber einen langfristigen Nachteil zur Folge haben kann, zeigen die Beispiele der Commerzbank und der Lufthansa. Die Commerzbank quietschte in der Finanzkrise 2008/2009 so laut, dass es vom Staat viel Fett erhielt. Aber langfristig war das Vertrauen in die Qualität der Commerzbank dahin und es setze ein permanenter Abwärtstrend ein. Zehn Jahre später war die einst so namhafte Bank zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Auch die Lufthansa quietsche sehr laut, als sie von der Coronakrise getroffen wurde. Das Quietschen hatte Erfolg und der Staat kam mit sehr viel Fett. Auch hier ist zu erwarten, dass der Erfolg nur von kurzer Dauer war. Andere leise fliegende Unternehmen werden langfristig Vorteile haben.