|
Rechtsprechung für
kleine und mittlere Unternehmen
zum Wirtschafts-, Arbeits-, Steuer- und Unternehmensrecht
hier:
GmbH-Recht / Verwendung eines GmbH-Mantels
Rechtsprechung, die jeder Unternehmensführer kennen sollte !
Wirtschaftliche Neugründung | Vorratsgesellschaft | Handelndenhaftung | § 11 Abs. 2 GmbHG
a) Bei einer wirtschaftlichen Neugründung einer Vorrats- oder Mantelgesellschaft kommt eine Haftung der handelnden Personen
analog § 11 Abs. 2 GmbHG nur dann in Betracht, wenn die Geschäfte vor Offenlegung der wirtschaftlichen Neugründung
aufgenommen worden sind und dem nicht alle Gesellschafter zugestimmt haben.
b) Versichert der Geschäftsführer bei der Offenlegung der wirtschaftlichen Neugründung der Wahrheit zuwider, dass sich das
Stammkapital endgültig in seiner freien Verfügung befindet, haftet er analog § 9a Abs. 1 GmbHG.
BGH, Beschluss vom 12.07.2011, II ZR 71/11, DB 2011, 2145
Aus den Urteilsgründen:
Nach der ständigen Rechtsprechung des Senats stellt die Verwendung einer "auf Vorrat" gegründeten und im Handelsregister
eingetragenen GmbH wirtschaftlich eine Neugründung dar. Darauf sind die der Gewährleistung der Kapitalausstattung
dienenden Gründungsvorschriften des GmbH-Gesetzes einschließlich der registerrechtlichen Kontrolle entsprechend anzuwenden.
Die Geschäftsführer haben analog § 8 Abs. 2 GmbHG zu versichern, dass die in § 7 Abs. 2 und 3 GmbHG bezeichneten Leistungen
auf die Geschäftsanteile bewirkt sind und dass sich der Gegenstand der Leistungen - weiterhin oder jedenfalls wieder -
endgültig in ihrer freien Verfügung befindet.
|
Voraussetzungen für die Verwendung einer Mantelgesellschaft
a) Eine Mantelgesellschaft, auf die die Regeln einer sog. "wirtschaftlichen Neugründung" anwendbar sind, kommt nur in
Betracht, wenn die Gesellschaft eine "leere Hülse" ist, also kein aktives Unternehmen betreibt, an das die Fortführung des
Geschäftsbetriebs - sei es auch unter wesentlicher Umgestaltung, Einschränkung oder Erweiterung seines Tätigkeitsgebiets -
in irgendeiner wirtschaftlich noch gewichtbaren Weise anknüpfen kann.
b) Eine "leere Hülse" in diesem Sinne liegt dann nicht vor, wenn die Gesellschaft nach Gründung und Eintragung konkrete
Aktivitäten zur Planung und Vorbereitung der Aufnahme ihrer nach außen gerichteten Geschäftstätigkeit im Rahmen des
statutarischen Unternehmensgegenstandes entfaltet (Fortführung von BGH-Beschluss vom 07.07.2003, DB 2003, 2055
BGH, Urteil vom 18.01.2010, II ZR 61/09, DB 2010, 607 |
Verwendung eines alten, leer gewordenen Mantels einer GmbH
Leitsatz:
a)Auf die wirtschaftliche Neugründung durch
Verwendung des "alten" Mantels einer existenten, im Rahmen ihres früheren
Unternehmensgegenstand tätig gewesenen, jetzt aber unternehmenslosen GmbH sind die der
Gewährleistung der Kapitalausstattung dienenden Gründungsvorschriften der GmbH
einschließlich der registergerichtlichen Kontrolle entsprechend anzuwenden.
b) Die Tatsache der Wiederverwendung eines zwischenzeitlich leer gewordenen
Gesellschaftsmantels ist gegenüber dem Registergericht offen zu legen. Diese Offenlegung
der wirtschaftlichen Neugründung ist mit der - am satzungsmäßigen Stammkapital
auszurichtenden - Versicherung gemäß § 8 Abs. 2 GmbHG zu verbinden.
c) Die reale Kapitalaufbringung ist sowohl bei der Mantelverwendung als auch bei der
Aktivierung einer Vorratsgesellschaft durch entsprechende Anwendung des Haftungsmodells
der Unterbilanzhaftung - bezogen auf den Stichtag der Offenlegung der
wirtschaftlichen Neugründung gegenüber dem Registergericht - sicherzustellen.
d) Neben der Unterbilanzhaftung kommt auch eine Handelndenhaftung analog § 11 Abs. 2
GmbHG in Betracht, wenn vor Offenlegung der wirtschaftlichen Neugründung die Geschäfte
aufgenommen werden, ohne dass alle Gesellschafter dem zugestimmt haben.
BGH, Beschluss vom 07.07.2003, II ZB 4/02, DB 2003, 2055).
Die Entscheidung ist die Fortsetzung der Rechtsprechung des BGH
zur sog. "wirtschaftlichen Neugründung". Im Anschluss an seine Entscheidung zur
Vorratsgesellschaft des Aktienrechts (DB 1992, 1228) hat der BGH zur vergleichbaren
Problematik bei der Vorratsgesellschaft des GmbH-Rechts entschieden, dass die Verwendung
einer "auf Vorrat" gegründeten GmbH wirtschaftlich eine Neugründung darstellt.
Auf diese Form der wirtschaftlichen Neugründung durch Ausstattung der Vorratsgesellschaft
mit einem Unternehmen und erstmalige Aufnahme ihres Geschäftsbetriebs sind die der
Gewährleistung der Kapitalausstattung dienenden Gründungsvorschriften des GmbH-Gesetzes
einschließlich der registergerichtlichen Kontrolle entsprechend anzuwenden.
Mit der hier zitierten Entscheidung
erweitert der BGH die Anwendbarkeit dieser Rechtsprechung. Eine wirtschaftliche
Neugründung stellt es hiernach auch dann dar, wenn die Verwendung eines alten, leer
gewordenen Mantels einer existenten, im Rahmen ihres früheren Unternehmensgegenstandes
tätig gewesenen, jetzt aber unternehmenslosen GmbH erfolgt. Dies bedeutet, dass die
Vorschriften des GmbH-Gesetzes, die bei der Gründung der Gesellschaft die
Kapitalausstattung gewährleisten sollen, auch im Falle einer Widerbebung einer GmbH
anzuwenden sind.
Die Verwendung einer auf Vorrat
gegründeten und die Wiederbelebung einer still gelegten GmbH führen daher zu nicht
unerheblichen Haftungsrisiken, sofern die komplizierten Regelungen nicht eingehalten
werden . |
Verwendung des Mantels einer Vorrats-GmbH
Die Verwendung des Mantels einer "auf
Vorrat" gegründeten Gesellschaft mit beschränkter Haftung stellt wirtschaftlich
eine Neugründung dar.
Auf diese wirtschaftliche Neugründung durch Ausstattung der Vorratsgesellschaft mit einem
Unternehmen und erstmalige Aufnahme ihres Geschäftsbetriebes sind die der Gewährleistung
der Kapitalausstattung dienenden Gründungsvorschriften der GmbH einschließlich der
registergerichtlichen Kontrolle entsprechend anzuwenden.
Der Geschäftsführer hat jedenfalls entsprechend § 8 Abs. 2 GmbHG zu versichern, dass
die in § 7 Abs. 2 und 3 GmbHG bezeichneten Leistungen auf die Stammeinlagen bewirkt sind
und dass der Gegenstand der Leistungen sich weiterhin in seiner freien Verfügung
befindet.
BGH-Beschluss vom 09.12.2002 - II ZB 12/01, DB 2003, 330; NJW 2003, 892
Anmerkungen:
Unternehmensgründungen nehmen teilweise einen nicht unerheblichen Zeitraum - von wenigen
Wochen bis zu mehreren Monaten - in Anspruch. Wer schnell eine GmbH benötigt, will
oftmals diese Zeitdauer nicht warten, bis eine GmbH gegründet und im Handelsregister
eingetragen ist. Da erhebliche persönliche Haftungsprobleme bestehen, wenn bereits im
Namen der GmbH "in Gründung" gehandelt wird, werden oftmals Gesellschaften auf
Vorrat gegründet. Vielfach werden diese auch als "Schubladen-Gesellschaften"
bezeichnet.
Der BGH hat mit seiner zitierten Entscheidung nun im Interesse des Gläubigerschutzes
klargelegt, dass die Verwendung einer solchen Vorratsgesellschaft wie eine Neugründung zu
behandeln ist. Dies bedeutet, dass das Registergericht entsprechend § 9c GmbHG i.V.m. §
12 FGG in eine Gründungsprüfung einzutreten hat, die sich jedenfalls auf die Erbringung
der Mindeststammeinlagen und im Falle von Sacheinlagen auf deren Werthaltigkeit zu
bezeihen hat (§ 7 Abs. 2; 3, § 8 Abs. 2 GmbHG).
Wer diese Vorschriften nicht einhält, geht nunmehr erhebliche Haftungsrisiken,
insbesondere die Gefahr ein, dass er im Falle der Insolvenz der Gesellschaft vom
Insolvenzverwalter zur (nochmaligen) Einzahlung der Stammeinlage aufgefordert wird. |
|
|