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Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff,
Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information,
Rhein-Sieg Verlag, 1999

Kondratieff war ein russischer Wissenschaftler, der 1892 bis 1938 gelebt hat. Er gilt als der Begründer der Theorie der langen Wellen in den Konjunkturzyklen. Sein Name wurde zum Maßstab für eine Einheit einer solchen langen Welle, die etwa einen Zeitraum von 40 bis 60 Jahre umfasst. Ein Kondratieff ist nicht nur mit einem langfristigen Auf und Ab der Konjunktur zu beschreiben. Die langfristigen Wellen der Konjunktur beinhalten einen ganz fundamentalen Strukturwandel, der keine Bereiche des Zusammenlebens der Menschen unberührt lässt. Ein Kondratieffzyklus beschreibt damit einen Reorganisationsprozess der gesamten Gesellschaft.

Auslöser eines solchen Strukturwandels sind Basisinnovationen, die so stark sind, dass sie einen solchen fundamentalen Strukturwandel einleiten und umsetzen können. Die Konjunkturforschung hat bisher fünf solcher Zyklen ausgemacht:

  • Der erste Kondratieffzyklus dauerte vom Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit erfolgte der Übergang von der Agrarwirtschaft in die Industriegesellschaft. Die Basisinnovationen, die diesen Reorganisationsprozess auslösten, waren die Erfindung der Dampfmaschine, die Fabrik und die grundlegenden Neuerungen in der Textilindustrie.

  • Der zweite Kondratieffzyklus wurde von der Basisinnovation Stahl getragen. Er brachte die Eisenbahn hervor und schuf eine vollständig neue Infrastruktur für den Transport von Waren und Menschen.

  • Die Basisinnovationen des dritten Kondratieff lagen in der Elektrizität und der Chemie. Dieser Zyklus war damit auch der erste Zyklus, in dem eine direkte Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgte. Die Produktionstechnik wurde fast vollständig auf elektrische Energie umgestellt.

  • Der vierte Kondratieff wurde vom individuellen Massenverkehr geprägt. Mineralölwirtschaft und Automobilhersteller waren die tragenden Elemente für die Basisinnovationen dieses Zyklus. Im vierten Kondratieff überschritt die Industriegesellschaft ihren Höhepunkt.

  • In den 70er Jahren setzte der fünfte Kondratieff ein. Er ist der erste Kondratieff, der nicht mehr von Rohstoffen, Stoffumwandlungen und Energie getragen wurde, sondern von Information. Basisinnovationen kamen hier aus der Informatik.   

Das Buch befasst sich mit der Frage, welcher Zyklus die Zeit nach dem derzeit auslaufenden fünften Kondratieff beherrschen wird. Es analysiert die Basisinnovationen der heutigen Zeit und untersucht, ob eine dieser Innovationen stark genug sein werden, einen grundsätzlichen Reorganisationsprozess für die Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten durchzusetzen. An solchen Basisinnovationen werden der Informationsmarkt, der Umweltmarkt, die Biotechnologie, die optischen Technologien und die Gesundheit untersucht, und zwar jeweils für sich selbst. Keine dieser Basisinnovationen werde aber für sich gesehen stark genug sein, einen solchen gesellschaftlichen Reorganisationsprozess zu tragen. Deshalb extrahiert der Verfasser aus diesen einzelnen Teil-Basisinnovationen eine Gemeinsamkeit, aus der sich der sechste Kondratieff bilde. Eine solche Gemeinsamkeit sieht der Verfasser im Gesundheitsmarkt, der nicht bio-chemisch, sondern psycho-sozial zu verstehen sei. Die psycho-soziale Gesundheit werde als Basisinnovation den sechsten Kondratieff bilden.

Das Buch kann uneingeschränkt zur Lektüre empfohlen werden. Die Ausführungen sind stets mit zahlreichen Fakten untermauert, die den spekulativen Bereich des Themas so klein als möglich machen. Das Buch zeigt insbesondere die Vernetzung von Wirtschaft und Gesellschaft auf, und weist stets darauf hin, dass man das Thema nur vernetzt, also gesamtheitlich für alle Bereiche von Wirtschaft, Gesellschaft, Soziologie und Politik betrachten und verstehen könne. Gerade in diesen Querverbindungen liegen immer wieder gedankliche Abenteuer, die das eigene Nachdenken stimulieren. Für den, der dieses Buch gelesen hat, wird sein heutiges Leben und die heutige Gesellschaft transparenter als bisher. Er sieht die Strömungen und Störungen, die uns zu dieser Art der heutigen gesellschaftlichen Organisation getragen haben und sieht damit auch, dass diese Strömung, würde sie sich so fortsetzen, Menschheit und Gesellschaft in den Abgrund reißen würde.

Das Buch überzeugt, dass der grundlegende Reorganisationsprozess der Gesellschaft in der Verbesserung der psycho-sozialen Gesundheit der Bevölkerung liegen wird. Damit erschließt sich ein Arbeitsmarkt von hohem Niveau. Die heute Arbeitslosigkeit hat damit seine Ursache darin, dass dieser neue Reorganisationsprozess zur fundamentalen Verbesserung der psycho-sozialen Gesundheit noch nicht an Breite gewonnen hat, insbesondere weil die heute an der Macht stehenden Bremser von gestern dem neuen Prozess noch entgegenstehen.