Buchbesprechungen
Ray Kurzweil: Homo S@piens,
Leben im 21. Jahrhundert - Was bleibt vom Menschen ?
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1999
Der Autor ist Computerwissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology und hat eine Vielzahl von Erfindungen geprägt, nämlich vom Flachbettscanner über den Synthesizer und Lesemaschinen für Blinde bis zur Texterkennungs-Software und dem Spracherkennungssystem zum Diktieren am PC. Der Autor stellt die Historie der Elektronischen Datenverarbeitung und den gegenwärtigen Stand der Entwicklung dar. Parallel dazu geht er auf die Entwicklungsgeschichte des Menschen und die Funktionsweise seines Gehirns ein. Er vergleicht den Aufbau und die Arbeitsweise des menschlichen Denkens mit den Möglichkeiten der Datenverarbeitung durch Computer. Bereits in zwei Jahrzehnten sollen die Leistungen eines Computers die Denkleistungen des Gehirns eines Menschen überholt haben. Immer mehr Aufgaben des Menschen würden Computer übernehmen, die immer intelligenter werden und eigenes Bewußtsein entwickeln. Computer seien dann allgegenwärtig - in Wänden, Möbelstücken, Kleidung und im menschlichen Körper. Die Interaktion mit dem Computer erfolge überwiegend durch Gesten und mit der Sprache. Auch den Transport, so z.B. im Straßenverkehr, würden nur noch Computer durchführen und Computer würden sich als virtuelle Künstler betätigen. Die Menschen würden persönliche Beziehungen zu ihrem Computer, den automatischen Assistenten, knüpfen, die ihnen als Gesellschafter, Lehrer, Pfleger, und auch Liebhaber dienen. In zwei bis drei Jahrzehnten würden die Computer den sog. Turing-Test bestehen. Bei diesem von Alan Turing 1950 aufgestellten Test kommuniziert ein menschlicher Richter über Terminals mit einer Maschine und einem anderen Menschen. Er muß herausfinden, wer Mensch und wer Maschine ist. Dieses Experiment wird vielfach als IQ-Test für Computer beschrieben. Wenn es dem Computer gelingt, den menschlichen Richter zuverlässig über seine wahre Identität hinwegzutäuschen, habe er ein menschliches Niveau an Intelligenz erlangt. Der provokative Untertitel des Buches "Was bleibt vom Menschen ?" ist im Hinblick auf eine solche exponentielle Entwicklung der Computer-Leistungen mehr als angebracht. Denn was sollte noch von der menschlichen Intelligenz, der bedeutendsten Schöpfung der Evolution, verbleiben, wenn die Computer alles besser, schneller und zuverlässiger machen können, was bisher nur Menschen machen konnten? Offensichtlich um einer apokalyptischen Betrachtungsweise der Thematik vorzubeugen, geht der Autor auf die Grundlagen der Evolutionsgeschichte ein. Das Stadium der Technik sei das nächste Stadium der Evolution. Das Aufkommen von Technik sei eine logische Folge der bisherigen Entwicklung. Die Herausbildung von Technik stelle einen Meilenstein in der Entwicklung irdischer Intelligenz dar. Als nächster Meilenstein werde eine Technologie entstehen, die ohne menschlichen Eingriff ihre eigene Folgegeneration erschafft. Bereits zum Ende des 21. Jahrhunderts werde das menschliche Denken mit der vom Menschen geschaffenen Machinenintelligenz verschmolzen sein. Es werde dann keine klare Unterscheidung mehr geben zwischen Mensch und Computer. Damit werde der Mensch unsterblich, der Begriff "Lebenserwartung" habe im Zusammenhang mit intelligenten Lebewesen dann keine Bedeutung mehr. Das Buch ist spannend geschrieben. Es liest sich wie ein Science-Fiction-Roman, wie eine Reise in unsere Zukunft, frei nach Jules Verne. Und doch weiß der Leser stets, daß es sich hier nicht um eine ausgedachte Geschichte handelt, sondern einprägsam, aufrüttelnd, warnend und hoffend zugleich die voraussichtliche Herausbildung einer künstlichen Intelligenz aufzeigt. Vor allem zeigt das Buch auf, daß die meisten von uns diese Entwicklung noch selbst erleben werden. Immer wieder kommt dem Leser der Untertitel des Buches in Erinnerung. Er fragt sich in der Tat "Was bleibt vom Menschen ?". Das Buch sollte nicht nur gelesen werden. Es sollte Anlaß geben, über zahlreiche Grundlagen unseres Lebens nachzudenken und dies mit Freunden zu diskutieren. Das Buch sollte als provokativer Impuls zum Überdenken des eigenen Ichs aufgefaßt werden. Vor allem sollten die Thesen des Autors überdacht und einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Dabei wird man durchaus feststellen, daß es auch differenziertere Betrachtungsweisen der Thematik gibt. |
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